Liebe Leser,

Berufs- und Betriebsblindheit führt manchmal dazu, dass man stundenlang über ein Thema spricht, um am Ende festzustellen, dass man komplett aneinander vorbeigeredet hat. Die Vorkenntnisse des Gesprächspartners wurden überschätzt oder gewisse Grundbegrifflichkeiten waren diesem einfach nicht bekannt.

In einer solchen Situation wurde mir bewusst, dass für die meisten Menschen ein Nagel nun einmal ein Nagel ist. Punkt.
Aus meiner Sicht ist das natürlich gaaaaaanz anders, alleine schon deswegen, weil ein Nagel für die meisten Menschen das ist, was ich als einen „Drahtstift“ bezeichnen würde – mein ganz persönliches Synonym für Ramsch

Für mich verdient ein Nagel erst dann die adlige Bezeichnung „Nagel“, wenn er mindestens ein Stahlnagel ist!

nur einige der unendlich vielen Sorten von NägelnNagel ist nicht Nagel

Aber am besten erzähle ich mein Erlebnis in Form eines Dramas (das es für mich auch war):

Die Szene: Neulich im Flugzeug. Erleichtert stelle ich fest, dass mein Sitznachbar nicht von der Sorte ist, die um die mickrige Armlehne in der Mitte ein rüdengleiches Revierverhalten an den Tag legt, sondern sich ebenso freundlich zurückhält wie ich.

Dennoch kommen wir uns näher, allerdings nur im Gespräch, beim Tomatensaft auf 33.000 Fuß.

mein Ausblick während der Unterhaltungmein Ausblick während der Unterhaltung
(c) Rainer Sturm @ pixelio.de

Er: Geht’s nach Hause?

Ich: Ja, endlich, rechtzeitig zum Wochenende. [an der üblichen Kleidung haben wir uns längst als Geschäftsreisende erkannt] Sie waren auch beruflich unterwegs?

Er: Klar, zum Spaß reist man woanders hin. [mit Rücksicht auf den Ort unseres Abfluges verzichte ich hier auf dessen Nennung] In welcher Branche sind Sie tätig?

Ich: Ich produziere Nägel.

Er: (lacht) In Deutschland? Kann man damit Geld verdienen?

Ich: Natürlich in Deutschland. Wenn man es richtig macht, ist das eine sehr interessante Branche.

Er: Aber so ein Nagel kostet doch nichts. Dann müssen Sie ja einige zehntausend Stück am Tag machen.

Ich: Eher einige 10 Millionen Stück …

Er: Das iPhone wird in China produziert, da können wir in Deutschland doch nicht von Nägeln leben!

Ich: Das ist ja auch immer eine Frage des Marktes. Wie groß ist das Volumen, auf wieviele Kunden, teilt es sich auf, wieviele Handelsstufen gibt es, wie lässt sich der Markt segmentieren und wo kann man sich – auch gegen Billigimporte – positionieren?

Er: Sie reden so geschwollen, wenn ich das anmerken darf. Ein Nagel ist ein Nagel. Davon braucht man drei Stück im Jahr: einen, um das Bild aufzuhängen, das man zu Weihnachten bekommen hat und die anderen beiden, um den Gartenzaun zu reparieren. Wenn ich im Baumarkt 100 Stück kaufe, komme ich mit dem Paket 33 Jahre aus!

Ich: Und sind Sie mit denen zufrieden?

Er: Womit soll ich zufrieden sein? Die meisten werden krumm oder splittern, ist halt so’n Wegwerfprodukt.

Ich: Das sollte nicht passieren! Jedenfalls sollten sie nicht splittern. Dass ein Nagel krumm wird, kann übrigens ein ausgesprochenes Qualitätsmerkmal sein, denn …

Er: … na, hören Sie mal, ein Nagel soll in die Wand. Oder ins Brett. Mehr nicht. Und wenn er das nicht tut …

Ich: … dann ist es der falsche Nagel für den Baustoff oder er wurde falsch angewendet. … Oder man hat die Armierung getroffen. Dann ist es Pech!

Er: Wollen Sie mir sagen, dass es für unterschiedliche Baustoffe unterschiedliche Nägel gibt?

Ich: Na ja, es ist schon ein Unterschied, ob ich einen Nagel in Fichtenholz oder in Beton schlagen möchte.

Er: Die Nägel, die ich bei mir rumliegen habe, gehen nie und nimmer in Beton. Die bekomme ich gerade mal in Butter eingeschlagen, aber nur wenn sie warm ist.

Ich: Der ist gut, muss ich mir mal als Aufhänger für Werbung merken … Welche Nägel haben Sie denn zuhause?

Er: Sie stellen Fragen, Nägel halt, aus Stahl werden die wohl sein, die sind in so einer grünen Packung, ein paar Kilo sind da drin … [überlegt] lustig ist ja, dass die Bemaßung nicht stimmt! Da steht nämlich auf dem Etikett … „nageln“ Sie mich jetzt nicht auf die genauen Zahlen fest, haha … also, da steht auf dem Etikett 22 x 50 oder so. Dabei müsste es doch 2,2 heißen, wenn Millimeter gemeint sind!

Ich: Jetzt verstehe ich! Was Sie da haben, das sind simple Drahtstifte, die werden in der Abmessung so bezeichnet, als lebten wir in einer kommafreien Welt. Und die sind meist auch pro Kilo verpackt. Wahrscheinlich, weil die so billig sind, dass sich keine Fabrik leisten kann, die beim Einpacken zu zählen! Das ist in der Tat ein reiner Massenartikel und jetzt glaube ich Ihnen, dass Sie einigen Ausschuss dabei haben, denn die sind wirklich nur für einfache Anwendungen gedacht.

Er: Aha. Und was machen Sie besser?

Ich: Es ist nicht so, dass ICH etwas besser mache. Wenn ich von Nägeln spreche, dann meine ich allerdings Nägel, die mehr haben als einen Kopf und eine Spitze.
Damit Nägel nicht splittern, sondern beispielsweise Biegewinkel bis zu 90° mitmachen, müssen sie gehärtet werden, das bedeutet, dass zunächst einmal das Ausgangsmaterial selbst höherwertiger sein muss als bei diesen „Eisennägeln“, die Sie zuhause haben, „Drahtstifte“ heißen die übrigens auch.
Diese „Stahlnägel“ werden dann wärmebehandelt, sie kommen – salopp gesagt – in einen Ofen und werden auf 1.000°C erhitzt und später kontrolliert abgekühlt. Dadurch wird die Gefügestruktur des Materials verändert und die Nägel werden nicht nur hart, sondern auch zäh.
Hart allein nützt nämlich nichts: Man kann sich das vorstellen wie Glas. Das ist zwar hart, aber so spröde, dass ein Nagel aus Glas gleich brechen würde.
Gehärtete Stahlnägel aber bekommen Sie auch in Beton oder Mauerwerk. Und wenn etwas passiert, dann biegt er und splittert nicht, man kann sich also nicht verletzen und …

Aus dem off: Meine Damen und Herren, wir bereiten uns auf den Landeanflug auf Dortmund vor. Bitte stellen Sie Ihre Rückenlehnen …

Er: Unglaublich, Sie machen aus einem Nagel eine Philosophie, aber nicht uninteressant. Ich verkaufe übrigens die besten Büroklammern der Welt!

Ich: ???

[Später, aus dem Weg aus der Gepäckhalle.]
Er: Guten Heimweg! Wo kann ich das eigentlich mal nachlesen?

Ich: Schauen Sie in meinen Blog … Adresse steht auf der Visitenkarte … Tschüss!

 

Herzlich grüßt Ihr

Matthias Bierbach